Über die Schuld des Vaters und die Verdrängungsmechanismen in der Familie hat der jüngste Sohn Malte Ludin einen beeindruckenden Dokumentarfilm gedreht. Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß fand am Freitagabend im Schildower Bürgersaal ein aufmerksames Publikum. Das Besondere an dieser Vorstellung: Es war die erste gemeinsame Veranstaltung des Vereins Demokratie leben aus Berlin-Reinickendorf und des Vereins Nordbahngemeinden mit Courage, des Schildower Kulturvereins und des Mühlenkinos. Und der Regisseur des Films, Malte Ludin, war anwesend.
Während es der Philosophie der monatlichen Mühlenkino-Vorführungen entspreche, Spielfilme mit einem Happyend, zumindest mit einem versöhnlichen Ende, zu zeigen, so weiche man diesmal hinsichtlich Genre und Thematik vom üblichen Weg ab, sagte Mühlenkino-Chef Mathis Oberhof zu Beginn.
Ein passenderes Datum, so Bürgermeister Klaus Brietzke, als den 8. Mai, den 64. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, habe man zur Aufführung für den Dokumentarfilm nicht finden können. Allerdings bedauerte er, dass der Bürgersaal nur zu zwei Dritteln gefüllt war. Regisseur und Drehbuchautor Malte Ludin bekam gleich zu Beginn einen Blumenstrauß überreicht, den er aber mit den Worten Warten Sie's doch erst einmal ab zunächst bescheiden zurückwies.
Um es vorweg zu nehmen: Malte Ludin hat diesen Strauß verdient. Nicht nur für seinen Mut, als Sohn eines Nazi-Täters in die verschwiegenen Tiefen des Familienschicksals einzutauchen und die Verbrechen des Vaters öffentlich zu benennen. Vielmehr auch dafür, ein Filmdokument geschaffen zu haben, das aufrüttelt und Lebenslügen aufdeckt. Gelungen ist ihm ein Werk von dramatischer Tiefe. Die ergibt sich aus den Interviews mit der Ehefrau des SA-Obergruppenführers Hanns Ludin, der sich als Gesandter des Großdeutschen Reiches in der Slowakei bei der Endlösung der Judenfrage höchste Anerkennung erwarb. Sie ergibt sich ebenso aus den vor der Kamera geführten Gesprächen mit den Geschwistern des Regisseurs.
Mit welcher Aggression, Unkenntnis der historischen Ereignisse und Familienarroganz sie die Taten des Vaters entschuldigen, ja ihm sogar als Märtyrer huldigen, das ist geradezu beklemmend. Im Gegenteil, dieser Mann mit dem eher weich-weiblichen Gesicht wird von seinen Töchtern als liebender Vater gezeichnet. Der, wenn selbst ihn Zweifel befielen, von seiner, energischen Ehefrau ins braune Unrechtverhalten hineingedrängt wurde. Und natürlich befand ihn die Familie und er sich selbst als unschuldig. Auschwitz? Das war für sie eine Fabrik, in der Juden arbeiteten. Manchmal kamen sie natürlich zu Tode. Aber das passiere im Krieg nun einmal. Vor allem, so die Meinung einer seiner Töchter, wenn sie sich als Partisanen den Nazis entgegengestellt hätten.
Diesen Film, so Malte Ludin, habe er erst 2005 drehen können. Zuvor wäre er mit dem Thema ins offene Messer gelaufen. Denn Naziaufarbeitung habe in Deutschland, mit 30 Zeilen in den Schulbüchern, lange nicht stattgefunden.
Ein Film, so fasste es eine Besucherin in der anschließenden Diskussion sehr treffend zusammen, der nicht in erster Linie die Scham der Täter-Nachfolgegeneration herausstelle, sondern den Weg weise, Verantwortung zu übernehmen, um dem Vergessen und Verdrängen dieser deutschen Schande entgegenzuwirken.
Von Rotraud Wieland Märkische Allgemeine 11.05.2009