Donnerstag, 23.02.2012
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AUSSTELLUNG: Gedrucktes und Gefilztes zum Erinnern

Eine Wiederentdeckung der Grafikerin Helen Ernst

HOHEN NEUENDORF - Selbst fünfzig Jahre nach ihrem Tode war Helen Ernst keine Ruhe vergönnt: Als ihr Grab auf dem Friedhof von Groß Zicker, einem kleinen Ort im Süden Rügens, einen Grabstein erhalten sollte, sperrte sich die Kirchengemeinde dagegen. Der Steinmetz Carlo Wloch hatte einen Findling ausgesucht, der in seiner Form an eine gebeugte Frau erinnerte. Aber der Stein widersprach der Friedhofsatzung, er war zu hoch. Lange wurde deshalb um diesen schlichten Grabstein gestritten.
Fast scheint dieses unwürdige Gezerre symptomatisch zu sein für den Umgang mit Helen Ernst, die das KZ Ravensbrück überlebte, sich aber gegen Vorwürfe – sie hätte im Langer mit der SS kollaboriert – nicht recht wehren konnte. Zwar wurde sie 1948 in Schwerin rehabilitiert, aber die todkranke Frau starb wenig später an Tbc. Die Rehabilitation wurde in Berlin nicht anerkannt, ihre Akte kam unter Verschluss. Helen Ernst geriet in Vergessenheit.
Es ist das Verdienst weniger Menschen, sie von diesem Ort des Vergessens wieder abgeholt zu haben. Einige von ihnen kamen am Freitagabend im Rathaus von Hohen Neuendorf zusammen, um in einer Ausstellung an „Helen Ernst – Ein zerbrechliches Menschenkind“ zu erinnern. Sie taten es auf gewöhnliche und ungewöhnliche Weise.
Gewöhnlich war die Form, in Schrift und Bild an sie zu erinnern. Kopierte Zeichnungen aus den zwanziger bis vierziger Jahren vermittelten einen Eindruck vom grafischen Können dieser ungewöhnlichen Frau. Von ihrer Schönheit kündeten Fotografien wie Bilder – besonders eindrucksvoll das Bild, das Hans Grundig 1934 gemalt hatte. Es war in der Ausstellung als Kopie zu sehen und wusste auch seine heutigen Betrachter zu faszinieren.
Helen Ernst kann einen schillernden Lebenslauf aufweisen. Ihr Biograf Hans Hübner erzählte von der Frau, die 1904 als uneheliches Kind eines Diplomaten in Athen geboren wurde, die von ihrem Vater der Mutter entrissen wurde und in der Schweiz und in Berlin eine gute Ausbildung erhielt. Sie wurde Modezeichnerin und passte in das Bild der neuen selbstbewussten Frau, das Ende der zwanziger Jahre reifte. Die politischen Kämpfe der Zeit ließen sie nicht kalt, sie trat der KPD bei und wurde 1933 zweimal von der Gestapo verhaftet. Sie floh danach nach Amsterdam, wurde dort 1940 erneut verhaftet und in das KZ Ravensbrück gebracht. Der Todesmarsch führte sie bis Ribnitz-Damgarten, wo sie ihre Befreiung erlebte, sich aber danach Vorwürfen der Kollaboration gegenüber sah.
Helen Ernst steht für die zerrissene deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Das Schicksal dieser Frau war der AG Brot und Salz des Hohen Neuendorfer Kulturkreises deshalb so wichtig. Sie unterstützte ein Kunstprojekt, in dem sich Schülerinnen des Marie-Curie-Gymnasiums mit Helen Ernst auf ganz ungewöhnliche Weise auseinandersetzten. Gemeinsam mit der Filzkünstlerin Masha Lofft setzten sie Reflexionen in Filz um. Das gelang nur bedingt. Es funktionierte, wo die Schülerinnen sich in die Welt der Modeschöpferin Helen Ernst versenkten, es scheiterte, wo sie sich mit der KZ-Zeit auseinander setzten. Eine gefilzte Tasche in Form eines roten Dreiecks sollte an die Haft der politischen Gefangenen erinnern, macht aber das Leidensdreieck zum unbekümmerten Accessoire von Menschen, die lediglich Spaß am Filzen haben.
Info Die Ausstellung im Rathaus wird bis zum 17. April gezeigt. Der Eintritt ist frei. Eine szenische Lesung aus der Biografie, vorgetragen von Hans Hübner und Carmen Bärwaldt, findet am 20. März in Borgsdorf statt. Gelesen wird ab 19.30 Uhr im Großen Saal des Seniorenwohnkomplexes, Dornbuschweg 14. Eintritt hier drei Euro.
Märkische Allgemeine  10.03.2009  Von Marlies Schnaibel




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